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Feuilleton

Aufschieben ist auch arbeiten

Das Vor-sich-herschieben von unangenehmer Arbeit ist so verbreitet, dass es ein eigenes Fremdwort dafür gibt: Prokrastination.  Dutzende Regalmeter Literatur geben Tipps, wie man es sich abgewöht. Völlig daneben. Aufschieber sind durchaus produktiv. Kathrin Passig (Zentrale Intelligenz Agentur, Riesenmaschine, und andere. Da erkennt man den Vorzeige-Prokrastinator) bestärkt mich in meiner Haltung. In der neuesten Zeit Campus-Ausgabe stellt sie die zehn goldenen Regeln des Vertagens auf:

1. Prokrastination rechtzeitig üben. Taucht dann ein Mammutprojekt auf, was bei den meisten Menschen mittelschwere bis dramatische Arbeitsstörungen verursacht, ist man gut vorbereitet.

2. Den eigenen Plänen misstrauen. Das Problem ist als “planning fallacy” (”Planungstrugschluss”) bekannt. Beim Planen von Projekten und beim Fassen von Vorsätzen machen die meisten Menschen dieselben drei Fehler: Erstens unterschätzen sie die benötigte Zeit. Zweitens nehmen sie an, in Zukunft stünde mehr Zeit zur Verfügung als in der Gegenwart. Drittens glauben sie, in dieser goldenen Zukunft selbst bessere Menschen geworden zu sein, die weniger prokrastinieren. Darum lieber:

Dinge geregelt kriegen

Erscheint am 6. Oktober 2008.

3. Auf Kante nähen. “Parkinsons Gesetz” besagt: Arbeit dehnt sich so lange aus, bis sie die verfügbare Zeit ausfüllt. Das bedeutet, dass man sich nur halb soviel Zeit nehmen sollte, wie man zu brauchen glaubt, und nicht etwa, wie schlechte Ratgeber behaupten, doppelt so viel. Reichen wird sie in beiden Fällen nicht, aber wer weniger einplant, quält sich kürzer.

4. Nicht zu wenig vornehmen. Hat ein Prokrastinierer zehn Aufgaben vor sich, wird er ein bis zwei davon erledigen (dafür aber zwölf andere). Gibt man ihm aber bloß einen Bleistift zu spitzen, bleibt er auf ewig ungespitzt.

5. Angeben. Ist der Plan erst einmal gefasst, sollte man aller Welt davon berichten. Je unverschämter man prahlt, desto peinlicher wäre ein Scheitern. Damit lassen sich bis zu zwei Prozent zusätzliche Motivation erzeugen.

6. Arbeit liegen lassen. Dazu sagt Aleks Scholz: “Ich habe so einige Leichen im Keller, halb fertige wissenschaftliche Publikationen. In Gesprächen mit Kollegen habe ich gemerkt, dass bei jedem solche Arbeiten liegen. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass diese Leichen womöglich die eigentliche Triebfeder für alles waren, was ich seitdem erledigt und veröffentlicht habe.”

7. Bewährte Prokrastinationstätigkeiten beibehalten. Gibt man aufgrund guter Vorsätze das Bloggen oder Fernsehen auf, um sich ganz der “eigentlichen Arbeit” zu widmen, wächst sofort eine neue Beschäftigung nach und füllt die Lücke. Während man die frühere Gewohnheit halbwegs im Griff hatte und seine Arbeit um sie herum anordnen konnte, dauert es mit dem neuen, zeitfressenden Spielzeug Monate, bis man seine frühere Produktivität wieder erreicht.

8. Weniger arbeiten ist mehr arbeiten. Der Psychologe Neil Fiore schildert in “The Now Habit” seine Erfahrungen mit Studenten, die ihre Doktorarbeit vor sich herschieben. Schnelle Studenten (Doktorarbeit in zwei Jahren oder weniger) unterscheiden sich nicht von langsamen Studenten (drei bis dreizehn Jahre). Mit einem Unterschied: Die langsamen Studenten leiden mehr. Sie verschieben Partys oder Sport auf später und haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie sich amüsieren. Fiores schnelle Studenten dagegen versagen sicht nichts.

9. Ausschlafen. Ein Ergebnis aus der Schlafforschung: Ausgeschlafene Versuchspersonen, die man vor ein Problem stellt, kommen eher auf die schnelle, einfache Lösung, während Unausgeschlafene sich in mühsame Lösungswege verbeißen. Am Schlaf sparen heißt am falschen Ende sparen.

10. Gefahren meiden. Die Welt ist voller Zumutungen und äußerer Schweinehunde, aber letzten Endes ist jeder selbst für sein Wohlergehen verantwortlich. Prokrastinierer sollten daher nicht grob fahrlässig ein Studienfach wählen, in dem es statt Prüfungen zu festgelegten Terminen nur Seminararbeiten mit Abgabeterminen “irgendwann nächstes Jahr” gibt.

Prokrastination

Kennt jeder…

Also, liebe Eltern, ich mache schon alles richtig in meinem Studium. Bloggen, Fernsehen, Bügeln: Alles nur, um mein Pensum zu erledigen. Das ich dafür heute mein Seminar “Macht und Gesetz: Optionen politischer Herrschaft bei Machiavelli und Montesquieu” verpasst habe, stört die beiden sicher nicht.

Da fällt mir ein, nächste Woche muss ich ein Referat über den Bologna-Prozess halten (ach ja und die Hausarbeit zum Sommerkrieg steht auch noch an). Erst einmal Aufräumen. Ganz schöner Saustall hier.

PS: Das muss ich haben.

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Diskussion

5 Kommentare zu “Aufschieben ist auch arbeiten”

  1. Ich bin Prokrastinationist aus Leidenschaft, ich hab von diesem wunderschönen ausdruck gelesen vor einer ganzen Weile schon ich weiß aber nich mehr wo. Ich glaub es war irgendwas von Wiglaf Droste, aber sicher bin ich mir nich.
    Wie gesagt: Ich steh drauf, wollte eigentlich öfter was kommentieren, aber ich dachte ich machs später.
    Peace out, was du heute kannst besorgen, verschiebe ruhig auf übermorgen.

    Posted by dr.hossa23 | 19. Juni 2008, 8:29
  2. Apropos übermorgen: Groningen wartet auf uns! Aber nun erstmal Fussi…

    Posted by fab | 19. Juni 2008, 8:34
  3. Sohn, von mir hast Du das sicher nicht mit diesem Prokrasdingsbums, das ist meiner Meinung nach etwas neuzeitliches und der Schreibtisch auf dem Foto kommt mir sehr bekannt vor. Dick Bussi

    Posted by Elke Mama | 24. Juni 2008, 10:32
  4. [...] wir gar nichts mehr veröffentlichen und um meinem Nilz ein volles Haus zu bescheren, hier mal ein Programmhinweis: Schüler der Freien Schauspielschule [...]

    Posted by Landungsbrücke | 27. Juni 2008, 3:30
  5. schoener clip ueber ein bisschen kapitulation auf polylog.tv “downshifting-der freiwillige sprung von der karriereleiter”! link

    Posted by BirdeB | 25. Juli 2008, 9:50

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